Willnauer spielt Kreisler

- Das Leben ist zu kurz, um schlechte Lieder zu hören. -
Und: Georg Kreislers Lieder sind viel zu gut, um nicht mehr live gespielt zu werden. Jörg-Martin Willnauer, der sich übrigens selbst am Klavier begleitet, beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Werk des Meisters und hat bei HOANZL eine feine CD mit Kreisler-Chansons herausgebracht.
ICH SEHE MICH IN MEINER EIGENEN TRADITION
Georg Kreisler im Gespräch mit Jörg-Martin Willnauer
Obwohl er weit mehr ist als ein Kabarettist, zählt er zu den besten dieses Jahrhunderts. Und ist vielleicht auch deshalb in Österreich kaum präsent. Und während hierzulande das locker-flockige Entertainment alle Verkaufsrekorde sprengt, lebt er in Basel.
Jörg-Martin Willnauer hat ihn besucht und folgendes Gespräch mit ihm geführt:
Willnauer: Herr Kreisler, Sie sind 1922 in Wien geboren…
Kreisler: Leider!
Willnauer: … und mussten 1938 vor den Nazis fliehen. Sie waren 17 Jahre in den USA, sind 1955 nach Wien zurückgekommen, waren vier Jahre in München, wieder in Wien, in den 70er Jahren in Berlin, Ende der 80er in Salzburg; jetzt leben Sie in Basel.
In einem ihrer Lieder heißt es: “Meine Heimat ist im Jemen, ziemlich weit von Ludwigshafen…”, in einem anderen “Ich fühl’ mich nicht zu Hause”. Beide Lieder gehen inhaltlich weit über das Geographische hinaus. Wo sehen Sie heute Ihre Heimat?
Kreisler: Nirgends. Natürlich nirgends. Das stimmt schon, ich bin ein total Heimatloser. Ich hab’ keine Heimat.
- Ich kann sagen: ich bin in Österreich geboren und habe Wiener Wurzeln. Ich habe viele Jahre in Amerika zugebracht und fühle mich daher Amerika sehr nahe. Ich fühl mich bis zu einem gewissen Grade auch dem Staat Israel nahe, weil ich eben auch Jude bin, aber ich würde dort nicht wohnen wollen.
Ich verfolge halt interessierter die Vorkommnisse in Israel als in Bulgarien, was dort vor sich geht. – Eine echte Heimat ist vielleicht die deutsche Sprache.
Willnauer: Und die Musik?
Kreisler: Musik ist keine Heimat für mich, nein. Ich bin ja von der Musik immer mehr abgekommen. Ich bin zwar das, was man im Österreichischen “gelernter Musiker” nennt, aber ich habe mich so viele Jahre mehr mit Literatur als mit Musik beschäftigt, und man kann, glaube ich, nur eines von beiden. Was ich an Musik mache, da zehre ich von meiner Vergangenheit.
Willnauer: Sie haben 17 Jahre ihres Lebens in den USA verbracht und sind meines Wissens auch amerikanischer Staatsbürger. Welchen Einfluss hatte das auf Ihre persönliche und künstlerische Entwicklung?
Kreisler: Einen sehr großen. Ich war 16 Jahre alt, als ich hinübergekommen bin, und war 32, 33 als ich weg bin. Das sind sehr wichtige Jahre. Das Showbusiness in Amerika ist ein sehr hartes Geschäft, das hab ich mitgemacht und gelernt, und ich glaube, ich habe sehr viel davon profitiert.
Willnauer: Sie haben als Pianist in einem Chaplin Film gearbeitet, Korrepetition und Dirigieren studiert, Sie haben Bücher geschrieben, viel für das Theater gearbeitet, Sie sind weit mehr als ein Chansonnier. Bekannt sind Sie jedoch vor allem als einer, der exemplarische Chansons geschrieben hat. Haben Sie eine Arbeitsmethode für ihre Chansons?
Kreisler: Zunächst einmal möchte ich sagen: Amerikanisch ist ja gerade das, daß man eben nicht in eine Schublade gelegt wird,
das ist ja überhaupt der große Unterschied zu Europa, dass man dort die Vielseitigkeit eher begrüßt, während man sich hier eher festlegen lässt.
Ich habe angefangen als Probepianist für Shows, als Begleitpianist bei Gesangslehrern. Dann bin ich ein bissl zum Film gekommen, habe dort musikalische Handlangerdienste geleistet bis der Krieg gekommen ist. Ich war drei Jahre lang amerikanischer Soldat, bin noch einmal auf ein Jahr nach Hollywood zurück, dann kam dieser Chaplinfilm, den Sie erwähnt haben, Monsieur Verdoux.
Ich habe die Musik von Chaplin aufgeschrieben, habe sie zu Hanns Eisler gebracht, der hat sie instrumentiert. Es gibt auch einige Szenen drin, wo Chaplin Klavier spielt, das war ich.- Sie haben gefragt, was für eine Methode ich beim Schreiben habe?
Willnauer: Ja, ob sie überhaupt eine haben oder ob das rein assoziativ vorgeht.
Kreisler: Assoziativ. Ich gehe meistens von der Musik aus, aber nicht immer. Es ist sehr selten, dass ich mit dem Text beginne.
Willnauer: Mir fällt auf, dass bei Ihren Liedern Text und Musik auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind.
Kreisler: Meistens sind Musik und Text gleichzeitig da, also zumindest die Hauptzeile. Wenn das einmal feststeht, mach’ ich aber doch die Musik zuerst und füll’ dann die Musik mit dem Text aus.
Es ist aber keine feste Regel. Es ist auch schon anders gewesen.
Willnauer: Schreiben Sie heute noch Chansons? Als wir in Graz nach Ihrem Konzert miteinander gesprochen haben, sagten Sie “Eigentlich schreibe ich keine Lieder mehr.”
Kreisler: Dabei ist es geblieben. Eigentlich keine, aber gelegentlich doch! (lacht) Vor allem habe ich mich mit Theaterstücken
befasst, und zu denen habe ich natürlich eine ganze Reihe von Liedern geschrieben.
Willnauer: Das Chanson hat eine lange Tradition. In welcher Tradition sehen Sie sich?
Kreisler: In gar keiner. Ich sehe mich in meiner eigenen Tradition. Natürlich hat man Vorbilder: Morgenstern, Ringelnatz, auch Friedrich Holländer. Das sind Vorbilder, denen man in der Jugend nacheifert. Dann entwickelt man seinen eigenen Stil, und wenn man so alt ist wie ich, hat man schon Tradition.
Willnauer: Meine Frage zielte eher auf den Anfang ihrer Arbeit
Kreisler: Kästner! Ein großes Vorbild von mir. Ich habe mich auch sehr gefreut, einmal einen Abend mit ihm verbringen zu können . Das war ein sehr lustiger Abend, weil irgend jemand hatte mich dazu überreden wollen zu Kästners Stück “Die Schule der Diktatoren” Musik zu schreiben.
Ich hab gesagt, ich weiß nicht wie man das soll. Das Stück ist dramaturgisch so eng gebaut, dass Lieder eigentlich nur stören würden. Wir sind dann mit dem Kästner zusammengekommen, und er hat gesagt: ja also ich weiß es auch nicht! Es hat sich herausgestellt, dass derjenige, der uns zusammenbringen wollte, das Stück gar nicht gelesen hatte. Er hatte gedacht : Naja, Kästner und Kreisler, vielleicht kann man was draus machen , aber Kästner und ich waren der gleichen Meinung, dass man das Stück lassen sollte, wie es ist. Schade, dass das Stück nicht gespielt wird.
Willnauer: Was empfehlen Sie einem Menschen, der heute noch Lieder schreibt?
Kreisler: Ich würde ihm vor allem raten, das, was er schreibt wegzuwerfen. Und es dann noch einmal zu schreiben. Und noch einmal und noch einmal. Ich krieg’ ja immer wieder Texte oder Lieder zugeschickt. Mir fällt vor allem auf, dass Leute etwas aufschreiben und glauben, es sei großartig, ohne wirklich daran zu arbeiten. Ich glaube, das ist eines der Geheimnisse beim Schreiben, dass man bestenfalls zehn, zwanzig Prozent von dem behält, was man aufschreibt.
Willnauer: Also doch eine Arbeitsmethode!? Die des ständigen Feilens und Ausarbeitens?
Kreisler: Die Methode der Selbstkritik. Also nicht sagen: das ist doch großartig, was ich geschrieben hab, und Schluss, sondern ein paar Tage liegen lassen und dann noch einmal jedes Wort, jeden Satz prüfen. Man ist heute zu schnell von sich selbst begeistert. Das gilt auch für Schauspieler. Die junge Generation ist vor allem durch Kritiklosigkeit an sich selbst ausgezeichnet. Das hat viel damit zu tun, dass man es ihnen auch erleichtert. Es wird mehr Theater gespielt, das Fernsehen nimmt natürlich einen großen Platz ein, und man sieht oft ganz unerfahrene Schauspieler in großen Rollen im Fernsehen, und sie glauben , damit ist schon bewiesen, dass sie gute Schauspieler sind. Das ist aber nicht der Fall. Viele glauben, wenn sie gelobt werden, große Rollen kriegen und sehr gefragt sind, ist damit schon alles erledigt . Ich glaube, den einzigen Rat, den man geben kann, ist: immer weiter an sich zu arbeiten.
Willnauer: Sie verfolgen seit 40 Jahren die deutschsprachige Kabarettlandschaft. Was hat sich in dieser Zeit in punkto Stil und Thematik geändert?
Kreisler: In den 50er und 60er Jahren war das Kabarett ein SPÖ oder SPD-Kabarett. Erst in den späten 60er Jahren haben sich aufmüpfige , nicht systemkonforme Kabaretts gebildet : Floh de Cologne und die Machtwächter in Köln, die Schmiere in Frankfurt und eine Menge anderer Kabaretts. Ende der 70er Jahre hat das wieder aufgehört, und in den 80er Jahren haben wir mehr und mehr ein Unterhaltungskabarett bekommen, und das haben wir heute noch. Es gibt ganz wenige Kabarettisten, die sich nicht systemkonform verhalten. Die meisten sagen: das Publikum will lachen, die Leute wollen unterhalten werden, aber ich glaube, das Pendel wird wieder ausschlagen.
Unterhaltend muss Kabarett selbstverständlich sein, aber das heißt nicht, dass es seichte Unterhaltung bieten muss.
Willnauer: Ist die Situation für einen Kabarettisten nicht auch sehr schwierig?
Kreisler: Natürlich ist es schwierig. Aber das war’s ja immer. Wer gutes Kabarett gemacht hat, für den war’s nie einfach.
Natürlich retten sich viele in das Unterhaltungskabarett, aber das Kabarett ist eben nicht dazu da, um sich zu verkleiden und irgendwelche Klamotten abzuziehn, sondern um die Leute zum Nachdenken anzuregen. Was aber nicht bedeutet, dass die Unterhaltung zu kurz kommen muss. Das ist eben die Kunst des Kabarettisten , diese beiden Elemente Unterhaltung und politische Gesellschaftskritik zusammen zubringen.- Leitartikeln sollen sie natürlich nicht.
Willnauer: Glauben sie dass man tagespolitisches Kabarett überhaupt noch machen kann? Und wenn ja, in welcher Form?
Kreisler: Das glaube ich schon. Also ich kann mir vorstellen, dass man in einer Stadt wie Graz z.B. tagespolitisches Kabarett machen kann, indem man die dortigen politischen Verantwortlichen auf unterhaltsame Weise zur Rechenschaft zieht.
Nicht so, dass sie sich ja nicht ärgern, wenn sie hineinkommen. Sie sollen sich ärgern!
Willnauer: Aber sie gehen ja nicht mehr hinein!
Kreisler: Das ist nur ein gutes Zeichen!
Willnauer: Also wenn mächtige Leute im Publikum sitzen, ist das ein Alarmsignal?
Kreisler: Nicht unbedingt, aber wenn die dann schulterklopfend zum Kabarettisten hinter die Bühne kommen, dann ist das vielleicht ein Alarmsignal.
Willnauer: Die Zeiten in denen Kabarett Minister gestürzt hat, sind vorbei. Ich vermute, es wird sehr schwer möglich sein, die Mächtigen mit künstlerischen Mitteln auszuhebeln.
Kreisler: Der Philosoph Kierkegaard hat einmal gesagt: Der Einzelne kann nichts tun um die Zeit zu verändern, aber er kann den Untergang bewusst machen.
Willnauer: Das klingt ja sehr pessimistisch.
Kreisler: Nein, das ist gar nicht pessimistisch. Man leistet doch seinen Beitrag dazu. Also man sagt Negatives, um das Positive zu bewirken. Man macht Leute mit Humor auf Dinge aufmerksam, die ihnen vorher nicht bewusst waren. Das ist schon eine Funktion
des Kabaretts. Wie überhaupt von jeder Kunst! Kunst muss negativ sein, muss zum Nachdenken anregen und muss es in sich haben, das Publikum zu verändern. Das tut übrigens auch jede Kunst Wenn irgendein Schlagersänger einen blöden Schlager singt, dann verändern sich die Leute ja auch, aber zum Schlechten .
Willnauer: Wie sehen sie eigentlich ihre eigene Rolle? Sie haben 40 Jahre Kabarettgeschichte geschrieben und einige Kapitel exemplarisch abgehandelt; wie sehen sie sich selbst in einem Umfeld, das ja nur ein Teil ihrer Arbeit ist?
Kreisler: Ja eben, das ist die Schwierigkeit, es ist nur ein Teil. Wenn auch ein wichtiger Teil. Es ist sehr schwer über sich selbst zu reden, ich kann das nicht . Ich setz’ mich halt hin und schreib’, was mir gerade in den Sinn kommt, und das schmeiß’ ich dann weg, oder ich schreib’s wieder um, bis irgendwas draus entsteht. Aber ich kann nicht beurteilen, wo ich da stehe, das kann ich nicht.
Willnauer: Vielen Dank für das Gespräch.


