Und wo bleibt die Freude?!

Festvortrag aus Anlass der 100. Superintendentialversammlung

am 10. Oktober 2009 in Leoben


Liebe Superintendentialversammlunsteilnehmerinnen!

Lieber Superintendentialversammlungsteilnehmer!

Werte Ehrengäste!

Ehrenwerte Gäste!


Ich freue mich hier zu sein und hoffe, ein Scherflein zum Gelingen des Festaktes beitragen zu können.

Festakten haftet häufig etwas Förmliches an.

Es riecht nach Bundespräsidenten, Landtagspräsidenten, Kammerpräsidenten, nach Vorausberechenbarkeit und: nach Langeweile.


Dieser Festakt riecht nach Risiko. Denn es ist immer ein Risiko,

einen Kabarettisten einzuladen. Erschwerend hinzu kommt: dieser Festredner ist ein Pfarrers-sohn.

Ich danke Ihnen für Ihre Risikobereitschaft.


Die Seele ist ein weites Land. Und die Freude ist ein weites Feld.

Ich möchte das Themenfeld eingrenzen um nicht in Beliebigkeit unterzugehen.

Also versuche ich zuerst einige Begriffe zu klären.

Ich unterscheide zwischen Freude, Spaß und Vergnügen.

Und bleibe im Singular.

Denn schon die jeweilige Mehrzahl, also Freuden/Späße/Vergnügen bzw.

Vergnügungen weist durch zahlreiche Verknüpfungen in ganz andere Gefilde.


Die Definition himmlischer Freuden hat manche in Teufels Küche gebracht,

auch die theologische Betrachtung der Freude bleibt - um es piefkinesisch auszudrücken - außen vor.

Dafür gibt es Berufenere. (Verweis auf evang.st, neueste Ausgabe)
Kulinarische, bzw. sexuelle Freuden haben durchaus eingehende Betrachtung verdient,

scheiden hier aus verständlichen Gründen jedoch ebenso aus wie der Heidenspaß.


Und wer immer noch mit „Kraft durch Freude“ operiert, sitzt auf dem falschen Dampfer.


Wir wissen, dass die Begriffe FREUDE, SPASS, VERGNÜGEN in der Umgangssprache oft verwechselt werden. Die Übergänge sind tatsächlich fließend. Trotzdem will ich eine Abgrenzung versuchen.

Auf die Begriffe „Witz“ und „Humor“ gehe ich später ein.

Der Spaß – vom italienischen „spasso“, Vergnügen abgeleitet, ist zumeist eine kurzfristige Angelegenheit. (ein musikalischer Spaß hat selten wagnersche Ausmaße).
Und: ein Spaß geht nicht selten auf Kosten anderer.


Naturgemäß kann mancher Spaß auch Freude machen, aber bei weitem nicht jede Freude ist ein Spaß!

Schwieriger ist die Abgrenzung beim Begriff "Vergnügen": Wir kennen intellektuelle Vergnügen, wie z.B. Schachspielen oder Lesen.

Das kann durchaus Freude bereiten. So ein stilles Vergnügen kann auch lebenslang andauern.

Aber es gibt einen deutlichen Unterschied:

Das Vergnügen bezeichnet im Allgemeinen eine Angelegenheit, die ein äußeres Hilfsmittel, eben ein Buch, ein Schachspiel, einen Garten, oder ein Instrument voraussetzt.

Die Freude hingegen, die reine Herzensfreude kann ohne Äußerlichkeiten und über einen langen Zeitraum nur aus sich selbst heraus existieren.


Aber auch die Freude hat unterschiedlichste Facetten:

Meine Mutter (Pfarrerstochter und Pfarrfrau) sprach seinerzeit:

"Die schönste Freude ist die Vorfreude.“ Mein Onkel ( Pfarrer)

widersprach heftigst: "Nein! Die schönste Freude ist die Schadenfreude!"

Und ich - als Pfarrerssohn, Pfarrersneffe, Pfarrersenkel & Pfarrersurenkel sage:

Die schönste Freude ist die Vorfreude auf die Schadenfreude.


Manche erinnern sich an Mephisto: „Hab ich doch meine Freude dran!“

Auch diese Freude ist heute nicht gemeint!

Die „klammheimliche Freude“ im Zusammenhang mit den Morden der RAF

(unter Beteiligung einer Pfarrerstochter) kann hier ebenso wenig eine Rolle spielen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Dogmatismus und Freudlosigkeit. (RAF und Al Khaida als Musterbeispiel).

Das ist an anderem Ort eine eigene Untersuchung wert.

Gemeint ist heute wohl die reine Freude, die sogenannte Herzensfreude.

Aber kann es die überhaupt geben?

Tag für Tag verhungern 24.000 Menschen, das heißt: pro Stunde verhungern 1.000 Menschen, die meisten davon Kinder.

Pro Jahr verhungern mehr Menschen als in Österreich leben.

Wir wissen das. Und wir ignorieren es.


Die reine Freude scheint angesichts dieser Fakten naiv oder egozentrisch, vielleicht sogar beides zu sein.

Naturgemäß wissen wir alle, - gerade weil unser Horizont nicht mit dem eigenenTellerrand identisch ist - dass es die reine Freude wohl kaum geben kann.

Für denkende Menschen bleibt reine Freude zumeist mit einem „Trotzdem“

verbunden. Aber die Frage, "Wo bleibt die Freude?" bezieht sich hier und heute natürlich auf unseren Arbeitsalltag, unsere Lebenswirklichkeit.


Natürlich kann, wer Freude im Herzen hat, auch auch an Späßen seine Freude

haben: (Foto-Beispiele: Seelsorgerausfahrt bzw. Kannabishop)

Aber das ist Spaß. Mehr oder weniger reiner Spaß.


Nur: wo bleibt die Freude?


Ich nehme mir ein Bsp. an Martin Luther, der bekanntlich auch derben Späßen nicht abgeneigt war und stelle ein paar Freudenthesen auf.

In aller Bescheidenheit - und weil sich unsere Lebenswelt seit Luther leicht beschleunigt hat - begnüge ich mich mit neuneinhalb.


Neuneinhalb Thesen, die ich leicht überspitzt formuliere um unsere Diskussion anzuheizen.


1. Wir sind ob wir wollen oder nicht, Teil einer Spaßgesellschaft.

COMEDY über alles! Kein TV-Sender ohne Comedy, keine Nachrichtensendung ohne Flapsig-keit! Wir können uns der Spaßgesellschaft nicht entziehen. Ob Werbung, Literatur oder Politik (da eher unfreiwillig): Comedy ist überall.

Aber die Spaßgesellschaft hat Risse bekommen. Bankenkrise, ungerechte Güter-Verteilung, unser ökologischer Fußabdruck, Wachstumsgrenzen und Arbeitslosigkeit vergällen vielen die Freude an platter Unterhaltung.

Menschen, die die Krise voll getroffen hat, fühlen sich durch entsprechende Späße nicht selten verhöhnt. Selbst wer kaum betroffen ist, kann Comedy als Zynismus auffassen.

Fazit: Comedy & Freude vertragen sich schlecht. Comedy verdrängt die Freude.


2. Wir sind auch Teil einer Grantgesellschaft. Wer ein Mal in Südamerika war, weiß, was ich meine. Wie sich dort Menschen unter extremsten Bedingungen und entsprechend kurzer Lebenserwartung am Leben FREUEN können! Unfassbar! Das Freude-Gefälle zwischen Südamerika und Mitteleuropa ist eklatant.

Wenn wir aus solchen Lebensfreudeländern zurückkehren nach Graz, Gratkorn oder Gramatneusiedl, versuchen wir naturgemäß, ein kleines Lächeln beizubehalten. Aber wir scheitern. Am Grant!

Wer einmal in der Wiener U-Bahn fuhr, weiß was ich meine.

Immerhin: In Ö., speziell in Wien hat der Grant auch eine selbstironische Komponente. Selbstironie, die dem deutschen Grant gewöhnlich fehlt.

Im Gegensatz zur reinen Freude gibt es in Deutschland tatsächlich den reinen Grant. - Und der Grant ist – nona – ein Freudenkiller.


Über die dt. österr. Kultur-Differenz ließen sich Bücher schreiben. Als Wanderer zwischen beiden Welten gestatte ich mir hier einen kleinen Exkurs:

Inzwischen arbeiten mehr Deutsche in Ö. als umgekehrt und viele Deutsche hierzulande wundern sich über eben den kulturellen Unterschied. Eine Differenz ist besonders deutlich:

In D. ist das Gesagte in der Regel auch das Gemeinte.

In Ö. ist das Gesagte selten das Gemeinte. Dieser doppelte Boden, die hohe Kunst des Paradoxen wurzelt in der Gegenreformation. Wer über Nacht die Madonna wieder aufstellen muss um zu überleben, hat schnell gelernt, der Obrigkeit zu sagen, was die Obrigkeit gerne hört. Am Küchentisch unter seinesgleichen wird ganz anders geredet. Diese Doppelzunge war ganz nebenbei auch ein markantes Phänomen in der DDR. -

Soweit mein Exkurs.


3. Wir sind Teil einer Arbeits-Anbetungsgesellschaft. Wir beten die Arbeit an (in D. inbrünstiger als in Ö!) unabhängig davon, ob sie sinnvoll ist oder nicht. Wer Arbeitsplätze schafft, ist ein Held!

Wie heißt es im schwäbischen Volkslied? Schaffe, schaffe Häusle baue! Und nit nach die Mädle schaue!

Und wer nicht singen kann spricht: Schaffe, schaffe, baue, verrecke!

Arbeit & Triebverzicht als Basis für ein frommes Leben!

Max Weber und der Pietcong aus dem Schwabenland bilden hier eine unfreiwillige Allianz.


Die Anbetung der Arbeit hat auch eine evang. Wurzel, eine Wurzel, die von der Arbeiterbewe-gung bis heute brav gegossen wird.

"Die Arbeit hoch!", dieses traditionelle Arbeiterlied ist inzwischen zum fast verzweifelten Ritual erstarrt.

Fazit: Dumpfe Arbeitsanbetung killt die Freude.


4. Wir sind - unabhängig vom Geschlecht - nicht multiasking! Multitasking ist ein Märchen. Wenn wir den Begriff „Arbeitsteilung“ vom Kopf auf die Füsse stellen, wird „multitasking“ überflüssig. Wis müssen uns die anfallende Arbeit nur wirklich teilen.

Wir wissen seit Jahrtausenden: Wenn Du gehst, nur gehen. Wenn Du sitzt, nur sitzen. Was immer du tust, schwanke nicht.

Multitasking überfordert uns. Und Überforderung killt die Freude.


Wir sind Teil einer Zerstreuungsgesellschaft.

Die Unterhaltungswelt, von vielen Humanisten seinerzeit argwöhnisch betrachtet, hat das Match gegen die Zerstreuungsgesellschaft längst verloren.

Vor 20 Jahren wurde mit dem 24Stunden-Fernseh-Programm das Ende der Unterhaltungsgesell-schaft eingeläutet. Heute können wir uns rund um die Uhr zerstreuen. 365 Tage im Jahr, 100 Jahre oder 500 Jahre lang. Je nach Lebenserwartung.

Manche sehnen sich nach der Unterhaltungsgesellschaft zurück.

Da gab´ s wenigstens eine Pause!

Meine damalige Berufsbezeichnung lautete „Unterhaltungsindustrieller“.

Weil es in Österreich schon damals fast 8 Millionen KabarettistInnen gab – die unfreiwilligen eingerechnet. Ich hatte auch eine Definition für meine Berufsbezeichnung: „Ein Unterhaltungs-industrieller ist ein Mensch, der seinen Lebensunterhalt mit Unterhaltung verdient und dabei mitunter Haltung bewahrt.“

Die Zerstreuungsgesellschaft beschert uns ein permanentes Trommelfeuer:

Eine Million Werbeimpulse im Jahr müssen erst einmal verkraftet werden!

Fazit: Die Nötigung zur Zerstreuung stresst. Und Stress killt Freude.


6. Wir haben nicht gelernt, humorvoll zu streiten.

Die Steigerung: Feind - Todfeind - Parteifreund gilt nicht nur in politischen Parteien. Sie gilt auch in mancher Religionsgemeinschaft.

Wir bräuchten dringend eine humorvolle Streitkultur.

Humor definiere ich als eine Angelegenheit des Herzens, als Lebenshaltung. Witz hingegen vor allem als Sache des Verstandes.

Unsere innerparteiliche Konflikt- bzw. Streitkultur ist äußerst schwach ausgeprägt.

Der Schlaz aus falscher Harmonie deckt alle Widersprüche zu.

Das Unausgesprochene wird dadurch riesengroß.

Fazit: Scheinharmonie killt die Freude.


7. Vielen von uns fehlt eine wichtige Voraussetzung für Freude:

Die Selbstironie.

Also, die Möglichkeit, Abstand zu nehmen.

Abstand von unseren Heiligtümern, Abstand von uns selbst.

(Selbstironie ist wohl keine dt.-österr. Erfindung, aber die Behauptung: den Deutschen fehle der Humor ist ein altes Klischee. W. Busch, Loriot, Karl Valentin, Gerhard Polt u.v.a. haben das längst widerlegt.)

Also: Selbstironie ist auch im deutschsprachigen Raum möglich!

Fazit: Wo keine Selbstironie, da wenig Freude!

(Ein gelungenes Beispiel für Selbstironie war wohl die Inauguration von Michael Bünker im Austria-Center Wien. Roland Neuwirths „Extrem Schrammeln“ intonierten das Lied: "Was nutzt der beste Wein, wanns Glasl stinkt!?" Alle verstanden, was gemeint war und von der Mehrheit wurde das auch amüsiert zur Kenntnis genommen. Michael Bünker reagierte spontan und sagte sinngemäß: Als neuer Wirt steht die Tür für die Extrem Schrammeln immer offen. Es gibt auch immer Wein. Und die Gläser werden immer sauber sein.)

Fazit: Selbstironie ist eine Voraussetzung für Freude.


8. Wir brauchen täglich eine Stunde Urlaub!

Das ist schwierig, ich weiß. Aber 48 Wochen Arbeit & 4 Wochen Urlaub sind suboptimal. Freude setzt Gelassenheit voraus. Und Gelassenheit braucht Kontemplation.

Im 2. Brief des Paulus an die Thessalonicher heißt es: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen." Dieser Satz hat entsetzliche Folgen gehabt. Also darf ich ihn abwandeln: „Wer keine Muße kennt, kann sich nicht freuen.“


9. Wir müssen von den Kindern lernen. Von den eigenen und von den anderen.

"Kinder an die Macht!" ist ein dummes Lied, aber was wir von Kindern lernen können ist, wie man sich an sogenannten Kleinigkeiten aus ganzem Herzen freuen kann!

Ich bin weit davon entfernt, Kindheit zu idealisieren, aber: Wo Kinder sind, gibt es nicht selten reine Freude!


These neuneinhalb:

Viele Sitzungen dauern zu lange! In vielen Sitzungen wird unendlich viel Zeit verschleudert!

Auch viele Vorträge dauern zu lange. Deshalb schließe ich mit einem Lied von Hanns Dieter Hüsch. Er erinnert uns daran, wofür wir auf der Welt sind. Nicht um zu arbeiten, sondern um Freude zu machen und zu helfen.


Hanns Dieter Hüsch, Für wen ich singe