Grazitis

Ich kenne eine Stadt, in der man mit 30 in Pension geht. Hier strebt man nicht nach staatlicher Altersversorgung, sondern nach innerem Ruhezustand, einer Art außerschulischem Sitzenbleiben. Diese Stadt heißt Graz und das dort grassierende Phänomen heißt Grazitis.

Grazitis ist die konsequente Fortentwicklung des Klischees "Pensionopolis". Gegen Grazitis helfen keine Kuren; Grazitis bleibt unheilbar und lebenslang. Alt werden kann man auch damit. Trotz schwerster Symptome & chronischem Verlauf sind manche Patienten uralt geworden. Rein zufällig lebe ich in Graz und bin - nach über 20 Jahren Aufenthalt - volljähriger Grazer. Ich bin kein Steirer, immer noch kein Österreicher, aber Grazer. Deutscher Grazer. Ein völlig ramponierter Begriff. Ich bin Grazer und deutsch wie manche Berliner türkisch und manche Wiener tschechisch sind. Und als deutscher Grazer bleibe ich hier, bis man es dieser Stadt anmerkt. Welche Sackgasse dereinst nach mir benannt werden wird, ist mir wurscht. Des Stabreims wegen böte sich Willnauerweg an (ich vermute, manche lesen, "weg" schon jetzt imperativ).

Vor Jahren bin ich aus der evangelischen Kirche ausgetreten, weil ich annahm, "austreten" habe auch entschlackende Wirkung. Aber das war ein Irrtum. Auch als "praktizierender Heide" bleibe ich Protestant. Aus seiner Prägung tritt keiner aus. Und das gilt auch für Graz. Graz ist keine Religion, aber Prägung. Hier durfte ich Pubertäten ausleben und mich von Grazitis befallen lassen. Denn trotz Gegenreformation und mausoliertem Ferdinand II, trotz Bischofsplatz und "Kleiner Zeitung", ist Graz eine protestantische Stadt geblieben. Unter katholischem Baldachin. Und das ist die wahre Tradition dieser Stadt: Sie gibt vor zu sein, was sie nicht ist.
Dazu zählt auch die rituelle Beschwörung des "südlichen Flairs". Diesen Flair gibt's in Meran. In Graz ist's im Winter saukalt. Und der Winter kann hier Monate dauern. "Südliches Flair" bietet Graz vielleicht für die Insassen von Wanne-Eickel. Oder für Inuit. Der wahre Charme der immerwährenden zweiten Stadt Österreichs findet sich nicht im Klima, sondern in ihrer Überschaubarkeit. Hier hocken wir im eigenen Mief, der von Grazitis-Patienten als Duft empfunden wird. Der Grazitisbefallene braucht keine Regierung. Ihn regiert die Selbstzufriedenheit. Der Grazitisbefallene braucht auch kein Minimundus, weil Graz Minimundus ist. Hätte Graz ein goldenes Dachl, einen schimmernden Steffl, Getreidekasse und Restspiele; ich wäre längst dahin. So kann ich bleiben. Und leben & leiben. Denn Graz bleibt Graz. Dort muss man nicht gewesen sein. Dort muss man nicht verwesen. Nein! Aber bis zur Verwesung lässt es sich hier ganz gut aushalten.


rg-Martin Willnauer