DAS BLEIGIESSEN - eine unglaubliche Sylwestern-Story -
Humphrey sog an seiner Filterlosen
und goß das flüssige Blei ins zischende Wasser. Man sah gespannt auf den Grund
der Porzellanschüssel.
Humphrey griff hinein und fischte eine makellose blaue Bohne heraus. Keine Munitionsfabrik
der Welt hätte eine bessere Kugel produzieren können.
Bedächtig zog er seine 38er Smith&Wesson und schob die Kugel ins Magazin.
Diana griff zum Besteck, erhitzte eine Portion Blei und überreichte beides Johnny
Paul II. Der warf das flüssige Metall schwungvoll ins Wasser. Man erwartete
etwas besonderes, aber heraus kam ein kaputtes Kondom.
"Jetzt bin ich dran!", rief Marylin, und während sie den Löffel zitternd über
die Flamme hielt, ließ Marlon die Sektkorken in den Luster knallen. Man prostete
einander zu. Marylin verschüttete ihren Sekt und ließ den Löffel samt Blei ins
Wasser fallen. Es entstand ein kleiner Priapos. Marlon behauptete, das sei unverkennbar
Arthur M. Die anderen tippten auf John F. und Humphrey murmelte: "Some like
it."
Nun war Amadeus an der Reihe: Er goß eine astreine Mozartkugel, die Humphrey
sofort für seine Pistole reklamierte. Aber das Ding war zu groß.
Inzwischen hatte Johann Sebastian seine Portion vorbereitet und einen Bachwürfel
mit allerlei seltsamen Symbolen produziert. Die adelige Bertha goß ein Jugendstil-Peacezeichen
und der nachdenkliche Che wieder eine Pistolenkugel.
Als Humphrey nach der Kugel griff, zog Che seinen Revolver und forderte ein
Duell.
Die anderen gingen hastig in Deckung. Es wurde verdammt eng unterm Tisch. Johnny
Paul II erinnerte sich schmerzlich und warf entschlossen den Tisch um: Gläser
und Flaschen klirrten zu Boden und eine Menge heißes Blei ergoß sich über den
neuen Perser.
Die beiden Pistoleros steckten ihre Waffen ein und betrachteten staunend das
merkwürdige Gebilde, das da auf dem Teppich entstanden war.
"Südamerika", vermutete Che. "Nein, Österreich!", rief Amadeus verzückt. Johann
Sebastian schritt zum Synthesizer, die Sylvesterrunde erhob sich feierlich und
intonierte inbrünstig das Lied vom Killerwal im Zillertal. Amadeus warf vor
Freude seine Kugel in die Luft. Wieder einmal hatte Österreich Frieden gestiftet!
Diana und Marylin öffneten die Magnumflaschen. Man soff und war gerührt über
das filmechte Happyend.
Nur Adolf saß grimmig hinter seinem Mineralwasser.
Er hatte immer lupenreine Hakenkreuze gegossen, aber sie ließen ihn einfach
nicht mehr mitspielen.
Jörg-Martin Willnauer